Rezensionen
2011
Johann Sebastian Bach (1685 - 1750): Concerto A-Dur BWV 1055
Weihnachtsoratorium Kantaten 1 - 3
(Sonntag, 11.12.2011, 17.00 Uhr)
Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide vom 13.12.2011:
Der große Glanz fehlte
Vor ausverkaufem Haus erklang das Weihnachtsoratorium in St.Marien
Uelzen. Wenn fünf Paukenschläge den Einsatz markieren und die Trompete jubiliert – dann folgen mit dem Chor „Jauchzet, frohlocket“ die bekanntesten Noten für die schönste Festzeit im Kirchenjahr. Was wäre die Adventszeit ohne eine Aufführung des Weihnachtsoratoriums? Für eine Antwort hinken alle Vergleiche. Und deshalb war am Sonntag jeder Platz in der St.-Marien-Kirche ausverkauft., weil für viele die Bachsche Variante der Weihnachtsgeschichte einfach in die Zeit der Erwartung gehört. Unter der Leitung von Erik Matz spielte das durch Solisten erweiterte Kammerorchester, es sang sie St.-Marien-Kantorei Uelzen.
Die ganz große Glanz- und vor allem kraftvolle Aufführung der Kantaten I bis III erklang in diesem Jahr nicht. Eine Spekulation über Gründe dafür verbietet sich.
Oder hatte der Zuhörer noch zu sehr die beeindruckend unerschrockenen Chöre des „Elias“ im Ohr, bei denen die Kantorei durch das Hugo-Distler-Ensemble Lüneburg verstärkt worden war?
Die knapp 60 Sängerinnen und Sänger der Kantorei lieferten aber eine solide Leistung, in der es meist spürbar um eine Identifikation mit dem Gesungenen ging, obwohl am Ende stimmliche Schlagkraft und die Überwältigung, die atemlos macht, fehlten.
An manchen Stellen blieb das unbehagliche Gefühl von Glätte. Nie allerdings, das sei ausdrücklich betont, von Unverbindlichkeit. In Kantate II schaukelt uns Erik Matz am Pult mit der einleitenden „Sinfonia“ in eine heile Welt. Die vor der Tür ist alles andere als heil. Sollte man die Tempi vielleicht einen Metronomstrich anziehen? Das Ganze ein wenig aufrauen? Nicht umsonst setzte Johann Sebastian Bach den Erwartungschoral „Wie soll ich dich empfangen“ in die Noten des Sterbelieds „Herzlich tut mich verlangen“; weil in die Weihnachtsidylle der Schatten des Endes schon zu fallen hat.
Der zweitschönste Chor – „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden“ – diese erregende Fuge mit den dissonanten Überschneidungen kam dagegen sehr präsent im Publikum an. Als Solisten hatte die Kantorei Karin Malangré (Sopran fern jeglicher Schrille und in sehr schönem Duett mit dem Bass), Elisabeth Graf (souveräner wie überzeugender Alt), Jörn Lindemann und Matthias Weichert (beide Herren, Tenor und Bass, mit deutlich textverständlichen Rezitativen, aber fehlendem Schalldruck in den Arien) verpflichtet.
Der Abend begann mit dem wahrscheinlich bis jetzt größtem Auftritt für den 14-jährigen Nima Mirkoshal aus Wriedel. Der Pianist durfte Solist sein bei Bachs Cembalokonzert A-Dur (BWV 1055).
Hier dirigierte Heiko Schlegel das Kammerorchester Uelzen. Der junge Musiker überzeugte mit seinem Spiel, zeigte aber, dass er noch mehr der Allegro-Drängende, denn der gefühlvolle Larghetto-Empfinder ist. Mit seinen sicheren, sauberen Läufen ist er auf einem hörbar guten Weg, auch wenn er im ersten Satz dem Orchester am liebsten davongeeilt wäre.
So war das dritte Adventssonntag-Konzert insgesamt ein musikalisches Breitwandepos, Dialog zwischen lyrischer Zartheit, selbstbewusster Emphase und gewohnter Akkuratesse. Die Aufführung hatte helle Glücksmomente und welche mit weniger Referenzqualität.
BARBARA KAISER
Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 - 1847): Oratorium "Elias", op. 70
(Sonntag, 09.10.2011, 19.00 Uhr)
Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide vom 11.10.2011:
Glaubwürdig und mit Glanz
Abschluss des Projekts Elias: Mendelssohns Oratorium in voll besetzter St.-Marien-Kirche
Uelzen. Wohl selten hat man Erik Matz so extrem konzentriert und angespannt dirigieren sehen. Der Kantor hatte aber auch noch nie ein solch großes Ensemble zusammengebracht und zusammengeschweißt, um seine ehrgeizigen musikalischen Ziele verwirklichen zu können. Am Sonntag setzte die Aufführung des Elias-Oratoriums von Felix Mendelssohn Bartholdy den Höhepunkt, den Schlusspunkt, den Paukenschlag unter ein Projekt, das sich über Wochen dem alttestamentarischen Propheten gewidmet hatte.
Die St.-Marien-Kantorei Uelzen, das Hugo-Distler-Ensemble Lüneburg, die Hamburger Camerata als instrumentaler Begleiter und die Solisten Jacqueline Treichler (Sopran), Elisabeth Graf (Alt), Andreas Post (Tenor), Stefan Adam (Bariton) sogten dafür, dass man sich vokale Überwältigung souveräner nicht zu denken vermochte.
Mit Gestaltungswillen und klug eingeteilten Kräften, wohllautend in jeder Note und in stimmlicher Noblesse, warfen sich alle für diesen musikalischen Erfolg ins Zeug. Matz stand sich in unglaublichen 150 Minuten, zweieinhalb Stunden Konzert ohne Pause, an keiner Stelle selbst im Weg, führte mit fürsorglichen Einsätzen einen Klangkörper voller Glanz und forderte von seinen Sängern höchsten Einsatz. Dass alle diesen Marathon tadellos durchstanden, verdient höchste Anerkennung und bekam am Ende langen rauschenden Beifall.
Die Partitur Mendelssohns, farbig und dramatisch fesselnd, kennt genauso stille, lyrische Passagen und innige Duette. Aufgepeitschte, hochenergetische und gravitätische Chöre wechseln mit jubelndem Lobgesang. Alles erzählt die Geschichte Elias´, der sich müht, eifert, verzweifelt, erlöst wird. Nach der Uraufführung im Jahr 1846 in Birmingham wurde der Komponist am englischen Hof als "Elias der neuen Kunst" gefeiert.
Die Selbstversuch-Wanderung der Rezensentin, die Textverständlichkeit testend, erstreckte sich in einer absolut ausverkauften Kirche zwischen der Ratsherrenloge, der Orgelempore und dem Vorraum von St. Marien. Aber sogar bis hierher drang das "... und in dem Säuseln nahte sich der Herr" deutlich. Der klangprächtige Doppelchor in C-Dur durchsickerte alle Wände!
Von bewegender Emotionlität ist Elias´ Klage "Es ist genug" (überragend: Stefan Adam), deklamatorisch korrekt und mit Gestaltungskraft erklangen die anderen Soli, auch die aus dem Ensemble heraus. Ein gestalterischer Höhepunkt der Chöre, zwischen Selbstgewissheit und Ratlosigkeit, das "Baal, erhöre uns". Bis zur Schlussfuge des Epilogs fehlte es keinem Register an Dimension. Weder dem jederzeit präsenten Chor, noch den Solisten (von denen sich einer indisponiert ansagen ließ, das indes kaum hören ließ).
Erik Matz sollte hochzufrieden gewesen sein mit diesem Abschluss-Abend des Elias-Projeks, der an Aufwand, aber auch an Besucherzahlen nicht so schnell zu übertreffen sein wird. Die musikalische Qualität ist bei der St.-Marien-Kantorei zum Glück immer in guten Händen.
BARBARA KAISER
„Lux aurumque“ - Glanz und Gloria durch Chormusik und Orgel
(Samstag, 02.07.2011, 16.45 Uhr)
Allgemeine Zeitung der Lüneburger Heide vom 04.07.2011:
Unbekannte Schönheiten
Gelungenes erstes St.-Marien-Sommerkonzert mit Kantorei und Erik Matz
Uelzen. Es kann ausgeschlossen werden, dass die mehr als 200 Zuhörer des ersten Sommerkonzertes in St. Marien deshalb kamen, weil ihre erworbene Eintrittskarte gleichzeitig die Münze für ein Glas Wein im Anschluss bedeutete. Bei diesem Wetter am Sonnabend - niemals! Vielleicht war es aber die Freude, dass die Reihe wieder beginnt. Im 16. Jahrgang übrigens. Dazu kam, dass die Kantorei sechs Jahrzehnte ihres Bestehens zu feiern hat. Auf Einladung von Kantor Erik Matz saßen zahlreiche ehemalige Sängerinnen und Sänger im Kirchenschiff.
Die 60 Minuten waren ein gelungener Auftakt in jeder Beziehung. Der Titel "Lux aurumque" (Licht und Gold) übersetzte der Programmzettel mit "Glanz und Gloria". Die Chormusik, dargeboten von einer St.-Marien-Kantorei mit augenfällig zahlreichen neuen Gesichtern, und die Orgelstücke bedienten, dem Thema folgend, die Vorstellung von Beeindruckendem. Auch wenn der Zuhörer außer Felix Mendelssohn Bartholdy keinen der Komponisten vorher gekannt haben musste, zeigte dieser Umstand doch ein weiteres Mal, wie unerschöpflich der Musikfundus abseits des Beliebten und allzu Bekannten ist, und wie erfolgreich Erik Matz gerne darin eintaucht.
Matz begann an der Orgel wuchtig. Barock oder spätromantsch, wie man wollte, Sigfrid Karg-Elert bediente diese Vorbilder. Sein Repertoire setzte der Kantor fort mit "In Paradisum" des Franzosen Jean-Yves Daniel-Lesur (1908 bis 2002), eine leise, zarte, expressionistische Angelegenheit, die sich zögernd entwickelt, die Matz aber keineswegs zögerlich anging. Schönster Beitrag wohl die "Suite modale op. 43" des belgischen Orgelprofessors Flor Peeters (1903 bis 1986). Erik Matz hielt alle Stimmen durchsichtig, auch in der abschließenden, ein wenig schaumgebremsten Toccata des viersätziges Werkes. Ein nettes Scherzo und ein gehauchtes Adagio waren voran gegangen.
Offenbarung des Konzerts blieb aber die Kantorei, obwohl Erik Matz ausdrücklich zu danken ist dafür, dass er sich immer wieder an instrumental Unbekanntes wagt.
Die Sängerinnen und Sänger hatten ein schwieriges Programm auf dem Pult: Zwei frühbarocke Motetten von Melchior Franck (1580 bis 1639), einen Chor von dessen Zeitgenossen Gallus Dreßler, Noten des gegenwärtigen Superstars der internationalen Chorkomposition, Eric Whitacre (*1970), der beispielsweise für das in St. Marien aufgeführte Titellied "Lux aurumque" 185 Stimmen aus zwölf Ländern im Internet vereinte. Zum Abschluss gab es Mendelssohn Bartholdy, drei Lieder aus dem "Elias".
Das Ensemble der Kantorei bekam den Schlussapplaus für seine faszinierende Korrektheit des Gesangs, auch in den Synkopen und Halbtonschritten (Whitacre), und eine unglaubliche Textverständlichkeit bis in die schnellen, leichfüßigen Textpassagen (Dreßler). Sehr anrührend hingegeben und mit einer beeindruckend kraftvollen Zuversicht(Mendelssohn Bartholdy )ließ das Vokale keine Wünsche offen.
BARBARA KAISER
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